Du hast die Qualifikation. Du hast die Erfahrung. Aber der Gedanke an das Vorstellungsgespräch lähmt dich. Nicht weil du die Fragen nicht beantworten könntest — sondern weil du Angst hast, beim ersten Satz hängenzubleiben. Ich kenne das. Ich habe Jobs nicht angenommen, weil ich das Gespräch nicht durchstehen wollte. Ich habe Bewerbungen geschrieben und sie nicht abgeschickt. Ich habe unter meinen Möglichkeiten gearbeitet — jahrelang.
Das war falsch. Und das schreibe ich nicht, um mich zu verurteilen, sondern damit du den gleichen Fehler nicht machst. Du verdienst den Job, der zu dir passt. Und Stottern ist kein Grund, darauf zu verzichten.
Sollte ich im Vorstellungsgespräch sagen, dass ich stottere?
Die ehrliche Antwort: Du entscheidest selbst. Es gibt keine allgemeine Regel, die für jede Person und jede Stelle passt.
Manche Menschen erleben einen kurzen offenen Hinweis als entlastend, weil sie das Stottern nicht mehr verstecken müssen. Andere möchten es nicht ansprechen. Beides ist möglich. Entscheidend ist, dass du eine Form wählst, mit der du dich sicherer auf deine Qualifikation und den Inhalt konzentrieren kannst.
Du musst dabei weder eine Rechtfertigung liefern noch ein Ergebnis versprechen. Der Hinweis soll deinem Gegenüber lediglich helfen, kurze Pausen richtig einzuordnen.
Wie bereitest du dich konkret vor?
Der erste Satz kann besonders belastend sein. Übe Begrüßung und eigenen Namen laut, nicht um perfekte Flüssigkeit zu erzwingen, sondern damit dir Inhalt und Situation vertrauter werden.
Nicht wortwörtlich auswendig lernen — das erzeugt neuen Druck. Stattdessen: 3-4 Stichpunkte pro Standardfrage. "Erzählen Sie von sich." "Warum wollen Sie hier arbeiten?" Wenn du den Inhalt kennst, musst du nicht gleichzeitig denken UND sprechen.
Nicht nur im Kopf. Sprich Kernantworten laut, nimm dich bei Bedarf auf oder simuliere das Gespräch mit einer vertrauten Person. So werden Inhalt, Reihenfolge und Situation vertrauter.
"Das ist eine gute Frage, lassen Sie mich kurz nachdenken." Das ist kein Stottern — das ist Souveraenitaet. Eine Pause nach einer Frage ist völlig normal und professionell.
Was wenn du mittendrin blockierst?
Dann darfst du kurz anhalten. Versuch nicht, die Blockade mit immer mehr Kraft zu überwinden. Halte den Blickkontakt, lass dir Zeit und beginne den Gedanken neu, wenn das für dich hilfreich ist.
Schilder deine Situation zuerst vertraulich per Formular. Du erhältst eine persönliche Antwort per E-Mail.
Situation schriftlich schildernWelche Rolle spielt der Diskriminierungsschutz?
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet Benachteiligungen im Bewerbungsverfahren wegen einer Behinderung. Ob dieser Schutz im konkreten Fall greift und wie eine Benachteiligung nachgewiesen werden kann, hängt jedoch vom Einzelfall ab.
Wenn du eine Benachteiligung vermutest, hol dir zeitnah qualifizierten Rat. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erklärt den Schutz im Bewerbungsverfahren und bietet Beratung. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung.
Video-Call oder Präsenz — was ist besser?
Video-Interviews können für manche Menschen angenehmer sein, weil sie in einer vertrauten Umgebung stattfinden und Stichpunkte außerhalb des Kamerabildes möglich sind. Andere empfinden Technik, Verzögerungen oder den Blick auf das eigene Bild als zusätzlichen Druck.
Mein Tipp: Wenn du die Wahl hast, nimm das Format, in dem du dich wohler fühlst. Und wenn du dein eigenes Bild im Video-Call stresst — schalt es aus. Die meisten Plattformen erlauben das.
Was kannst du langfristig tun?
Vorstellungsgespräche können durch Vorbereitung und wiederholte, realistische Übung vertrauter werden. In meinem Coaching können wir ergänzend an beruflichen Sprechsituationen, Erwartungsdruck und Vermeidung arbeiten. Coaching ersetzt keine medizinische Diagnostik, Psychotherapie oder spezialisierte Stottertherapie. Lies auch den ausführlichen Artikel zu Stottern im Beruf und den Ratgeber Stottern bei Erwachsenen.
Häufige Fragen
Sollte ich im Vorstellungsgespräch sagen, dass ich stottere?
Du entscheidest selbst. Manche Menschen erleben einen kurzen Hinweis als entlastend, andere möchten ihr Stottern nicht ansprechen. Wähle die Variante, mit der du dich besser auf Inhalt und Qualifikation konzentrieren kannst.
Schützt das AGG vor Benachteiligung im Bewerbungsverfahren?
Das AGG verbietet Benachteiligungen im Bewerbungsverfahren wegen einer Behinderung. Ob dies im Einzelfall auf deine konkrete Situation zutrifft, sollte rechtlich geprüft werden. Informationen und Beratung bietet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Wie bereite ich mich auf ein Vorstellungsgespräch mit Stottern vor?
Bereite Kernantworten als Stichpunkte vor, übe den Einstieg laut und simuliere das Gespräch mit einer vertrauten Person. Ziel ist keine perfekte Flüssigkeit, sondern mehr Sicherheit mit Inhalt und Situation.
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