Stottern bei Aufregung — warum es schlimmer wird und was du tun kannst
Von Andreas Berg · 2. April 2026 · Lesezeit: 7 Minuten
Du sitzt im Wartezimmer. Gleich wirst du aufgerufen. Dein Herz schlaegt schneller, deine Haende werden feucht, und du merkst schon jetzt: Wenn du gleich deinen Namen sagen musst, wird es nicht gut gehen. Je aufgeregter du wirst, desto sicherer bist du, dass du stottern wirst. Und genau das passiert dann auch.
Ich kenne dieses Muster so gut. Ueber 20 Jahre lang war es mein staendiger Begleiter. Jede Situation, die auch nur ein bisschen aufregend war — ein Vorstellungsgespraech, ein Telefonat, ein erstes Date — wurde zur Sprechblockade. Nicht weil ich nicht sprechen konnte. Sondern weil mein Koerper auf Alarm geschaltet hat.
Was passiert im Koerper bei Aufregung?
Dein Nervensystem kennt zwei Grundzustaende. Den Ruhemodus — Parasympathikus — in dem alles entspannt laeuft. Und den Alarmmodus — Sympathikus — der dich auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Bei Aufregung schaltet dein Koerper in den Alarmmodus.
Das bedeutet konkret: Dein Herz schlaegt schneller. Deine Muskeln spannen sich an. Deine Atmung wird flach und schnell. Und dein Kehlkopf, deine Zunge, deine Lippen — alles was du zum Sprechen brauchst — verkrampft sich mit. Fliessend sprechen wird dadurch koerperlich schwieriger. Nicht weil du es nicht kannst, sondern weil dein Koerper gerade andere Prioritaeten hat als eloquente Saetze zu formen.
Und dann kommt der entscheidende Faktor dazu: Du merkst, dass du verkrampfst. Du denkst "Jetzt stottere ich gleich." Und dieser Gedanke verstaerkt die Anspannung. Ein Kreislauf beginnt, der sich selbst fuettert.
Warum trifft es Stotterer besonders hart?
Jeder Mensch wird bei Aufregung ein bisschen ungeschickter im Sprechen. Verhaspelt sich, verliert den Faden, sagt "aehm". Bei den meisten faellt das kaum auf. Bei Stotterern ist die Reaktion staerker — weil die emotionale Verknuepfung zwischen Sprechen und Gefahr tiefer sitzt.
Wenn du als Kind beim Sprechen ausgelacht, korrigiert oder ungeduldig behandelt wurdest, hat dein Gehirn gelernt: Sprechen kann gefaehrlich sein. Sprechen kann wehtun. Und jede aufregende Situation aktiviert diese alte Warnung. Dein Koerper reagiert nicht auf die aktuelle Situation — er reagiert auf die Erinnerung.
Das erklaert auch, warum du alleine zu Hause voellig fluessig sprechen kannst. Dort gibt es keine Gefahr. Kein Publikum, kein Urteil, keinen Druck. Sobald aber jemand zuhoert — und die Situation auch noch wichtig ist — faehrt das System hoch. Mehr dazu findest du im Ratgeber Stottern.
Welche Situationen loesen die staerkste Aufregung aus?
Wenn es wichtig ist. Vorstellungsgespraeche, Praesentationen im Beruf, Pruefungen. Je hoeher der Einsatz, desto staerker die Aufregung, desto wahrscheinlicher die Blockade.
Wenn du beobachtet wirst. Vor einer Gruppe sprechen, im Meeting das Wort ergreifen, an der Kasse bestellen wenn eine Schlange hinter dir steht. Die gefuehlte Beobachtung verstaerkt den Druck enorm.
Wenn du nicht ausweichen kannst. Deinen Namen sagen, eine bestimmte Adresse nennen, eine Frage beantworten die nur eine richtige Antwort hat. Kein Synonyme-Tauschen moeglich, kein Umformulieren.
Wenn es ueberraschend kommt. Ploetzlich angesprochen werden, unerwartet das Telefon abnehmen muessen, spontan nach der Meinung gefragt werden. Ohne Vorbereitung steigt die Aufregung sofort.
Was hilft wirklich gegen Stottern bei Aufregung?
Die meisten Ratgeber sagen: Atme tief durch. Beruhige dich. Denk positiv. Das klingt logisch — funktioniert aber in dem Moment nicht. Wenn dein Nervensystem auf Alarm steht, kannst du dir nicht einfach sagen "Sei mal ruhig." Das waere wie einem Autofahrer zu sagen "Brems mal" wenn die Bremsen nicht funktionieren.
Schritt 1: Verstehe was passiert. Allein das Wissen, dass dein Koerper gerade im Alarmmodus ist und dass das eine automatische Reaktion ist — keine Schwaeche — nimmt einen Teil des Drucks. Du stotterst nicht weil du versagst. Du stotterst weil dein Nervensystem ueberreagiert.
Schritt 2: Arbeite mit dem Koerper, nicht gegen ihn. Statt die Aufregung zu unterdruecken, gib ihr Raum. Lass deine Haende zittern. Lass dein Herz rasen. Sag dir: "Okay, ich bin aufgeregt. Das ist in Ordnung." Paradoxerweise reduziert die Akzeptanz die Anspannung schneller als jeder Versuch sie wegzudruecken.
Schritt 3: NLP-Ankern. Das ist die Technik, die bei mir und vielen meiner Klienten den groessten Unterschied gemacht hat. Du verknuepfst eine bestimmte Geste — zum Beispiel Daumen und Zeigefinger zusammendruecken — mit einem Zustand tiefer Ruhe und Sicherheit. Diesen Zustand baust du in entspannten Momenten auf und wiederholst die Verknuepfung. Nach einigen Wochen reicht die Geste, um dein Nervensystem in Sekunden runterzufahren. Auch mitten in einem Vorstellungsgespraech.
Schritt 4: Kleine Expositionen. Nicht die grosse Praesentation als erstes. Sondern kleine Situationen, die ein bisschen aufregend sind. Im Laden nach etwas fragen. Jemand Fremdes anrufen. Eine Bestellung aufgeben. Jede Situation, die du meisterst, zeigt deinem Gehirn: Aufregung und Sprechen muessen nicht zusammen zum Problem werden.
Wie bin ich selbst damit umgegangen?
Lange Zeit habe ich versucht, die Aufregung zu vermeiden. Ich bin Situationen ausgewichen, habe Ausreden erfunden, habe mich krank gemeldet. Das hat kurzfristig geholfen — langfristig wurde alles schlimmer. Weil jede Vermeidung meinem Gehirn bestaetigt hat: Die Situation ist wirklich gefaehrlich.
Der Wendepunkt kam, als ich verstanden habe: Nicht die Aufregung ist das Problem. Sondern meine Bewertung der Aufregung. Ich habe Aufregung mit "Ich werde stottern" gleichgesetzt. Und genau diese Gleichung musste ich aufloesen. Mehr ueber meinen Weg erfaehrst du auf Ueber mich.
Heute werde ich noch immer aufgeregt. Vor wichtigen Gespraechen, vor Vortraegen. Aber die Aufregung fuehrt nicht mehr automatisch zum Stottern. Weil mein Nervensystem gelernt hat: Aufregung ist Aufregung. Nicht mehr und nicht weniger.
Im Coaching arbeite ich mit meinen Klienten genau an dieser Stelle. Nicht an Sprechtechniken — an der emotionalen Verknuepfung zwischen Aufregung und Sprechblockade. Das dauert keine Jahre. Oft reichen wenige Wochen, um einen deutlichen Unterschied zu spueren.
Haeufig gestellte Fragen
Warum wird Stottern bei Aufregung schlimmer?
Bei Aufregung schuettet dein Koerper Stresshormone aus, die deine Muskeln anspannen — auch Kehlkopf, Zunge und Lippen. Gleichzeitig aktiviert das Nervensystem den Alarmmodus. Fliessend sprechen wird koerperlich schwieriger. Mehr dazu im Ratgeber Stottern.
Kann man lernen trotz Aufregung fluessig zu sprechen?
Ja. Es geht nicht darum, die Aufregung abzuschalten — sondern anders damit umzugehen. Durch NLP-Techniken und gezieltes Coaching kannst du die automatische Verknuepfung zwischen Aufregung und Sprechblockade aufloesen.
Was ist NLP-Ankern und wie hilft es bei Stottern?
Beim NLP-Ankern verknuepfst du eine Geste oder Beruehrung mit einem Zustand tiefer Ruhe. In aufregenden Situationen aktivierst du diesen Anker und dein Nervensystem wechselt schneller in den Ruhemodus. Viele meiner Klienten nutzen das erfolgreich im Alltag.