Stottern im Vorstellungsgespraech — so bereitest du dich vor
Von Andreas Berg · Aktualisiert am 2. April 2026 · Lesezeit: 9 Minuten
Du hast die Qualifikation. Du hast die Erfahrung. Aber der Gedanke an das Vorstellungsgespraech laehmt dich. Nicht weil du die Fragen nicht beantworten koenntest — sondern weil du Angst hast, beim ersten Satz haengenzubleiben. Ich kenne das. Ich habe Jobs nicht angenommen, weil ich das Gespraech nicht durchstehen wollte. Ich habe Bewerbungen geschrieben und sie nicht abgeschickt. Ich habe unter meinen Moeglichkeiten gearbeitet — jahrelang.
Das war falsch. Und das schreibe ich nicht, um mich zu verurteilen, sondern damit du den gleichen Fehler nicht machst. Du verdienst den Job, der zu dir passt. Und Stottern ist kein Grund, darauf zu verzichten.
Sollte ich im Vorstellungsgespraech sagen, dass ich stottere?
Die ehrliche Antwort: Es kommt drauf an. Aber aus meiner Erfahrung — als Betroffener und als Coach — sage ich: In den meisten Faellen ja.
Nicht weil du es musst. Rechtlich gibt es keine Pflicht, Stottern zu erwaehnen. Aber praktisch nimmt Offenheit den Druck raus. Stell dir vor, du sitzt da und versuchst krampfhaft, nicht zu stottern. Jeder Satz wird zur Pruefung. Das ist kein Gespraech mehr — das ist ein Ueberlebenskampf.
Wenn du stattdessen am Anfang sagst: "Ich moechte kurz erwaehnen, dass ich manchmal stottere. Das hat keinen Einfluss auf meine Arbeit, aber ich wollte es offen ansprechen" — dann passiert etwas: Der Elefant im Raum verschwindet. Du musst nichts mehr verstecken. Und dein Gegenueber weiss, was los ist, falls es mal stockt.
Die meisten Personaler reagieren respektvoll. Viele sind sogar beeindruckt von der Offenheit. Weil sie zeigt: Dieser Mensch kann mit Herausforderungen umgehen.
Wie bereitest du dich konkret vor?
Uebe den Einstieg. Der erste Satz ist fast immer der schwerste. "Guten Tag, mein Name ist..." — diese drei Sekunden entscheiden ueber deinen Stresslevel fuer das gesamte Gespraech. Uebe diesen Satz laut, immer wieder. Nicht um ihn perfekt zu koennen, sondern um ihm die Angst zu nehmen.
Bereite Kernantworten vor. Nicht wortwoertlich auswendig — das erzeugt neuen Druck, weil du dann an der exakten Formulierung haengst. Stattdessen: 3-4 Stichpunkte pro Standardfrage. "Erzaehlen Sie von sich." "Warum wollen Sie hier arbeiten?" "Was sind Ihre Staerken?" Wenn du den Inhalt kennst, musst du nicht gleichzeitig denken UND sprechen.
Uebe laut. Nicht im Kopf. Laut. Vor dem Spiegel, vor einer Kamera, vor einem Freund. Dein Mund muss die Woerter kennen, nicht nur dein Gehirn. Das reduziert Blockaden messbar.
Plane Pausen ein. Eine Pause nach einer Frage ist voellig normal. "Das ist eine gute Frage, lassen Sie mich kurz nachdenken." Das ist kein Stottern — das ist Souveraenitaet.
Was wenn du mittendrin blockierst?
Dann blockierst du. Und das ist okay.
Ich weiss, das klingt leicht dahergesagt. Aber denk mal drueber nach: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Du bleibst an einem Wort haengen. Der Personaler wartet kurz. Du sprichst weiter. Fertig.
Die Katastrophe, die du dir ausmalst — peinliche Stille, abwertendes Laecheln, sofortige Absage — passiert in der Realitaet fast nie. Die meisten Menschen reagieren viel gelassener als du erwartest. Und wenn jemand dich wegen einer Sprechblockade ablehnt, willst du dort sowieso nicht arbeiten.
Ein Klient von mir, Softwareentwickler, 38, hat mir erzaehlt: "Im Gespraech bin ich dreimal haengengeblieben. Richtig. Und ich habe den Job trotzdem bekommen. Der Teamleiter sagte spaeter: Mir war das egal. Ich wollte jemanden, der denken kann — nicht jemanden, der redet wie ein Nachrichtensprecher."
Darf ein Arbeitgeber dich wegen Stottern ablehnen?
Nein. Stottern kann als Behinderung im Sinne des Sozialgesetzbuches anerkannt werden. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schuetzt dich vor Diskriminierung aufgrund einer Behinderung — auch bei der Einstellung.
In der Praxis ist es natuerlich schwer nachzuweisen, wenn jemand dich deshalb ablehnt. Aber das Recht ist auf deiner Seite. Und die meisten Arbeitgeber wissen das.
Wenn du dir unsicher bist: Bei Behoerden und groesseren Unternehmen gibt es oft Schwerbehindertenbeauftragte, die dich unterstuetzen koennen. Und einen Grad der Behinderung (GdB) fuer Stottern zu beantragen, kann Vorteile bringen — auch wenn du das natuerlich nicht musst.
Video-Call oder Praesenz — was ist besser?
Seit Corona sind Video-Interviews Standard. Fuer viele Stotterer ist das eine Erleichterung: Du bist in deiner vertrauten Umgebung, kannst Notizen vor dir liegen haben, und der Bildschirm schafft eine gewisse Distanz, die den Druck reduziert.
Andererseits fehlt im Video-Call der natuerliche Gespraechsfluss. Kleine Verzoegerungen durch die Technik koennen verunsichern. Und du siehst dein eigenes Gesicht — was fuer manche Stotterer zusaetzlichen Druck erzeugt.
Mein Tipp: Wenn du die Wahl hast, nimm das Format, in dem du dich wohler fuehlst. Und wenn du dein eigenes Bild im Video-Call stresst — schalt es aus. Die meisten Plattformen erlauben das.
Was kannst du langfristig tun?
Vorstellungsgespraeche werden leichter, wenn du grundsaetzlich freier sprichst. Das klingt offensichtlich — aber es ist der Punkt: Wenn du an deinem Stottern arbeitest, profitiert nicht nur das naechste Gespraech, sondern dein ganzes Berufsleben.
In meinem Coaching arbeiten wir gezielt an beruflichen Sprechsituationen. Nicht theoretisch — sondern mit echten Uebungen, echten Rollenspielen, echtem Feedback. Manche Klienten kommen gezielt vor einem wichtigen Gespraech. Andere wollen grundsaetzlich freier sprechen. Beides ist moeglich. Lies auch den ausfuehrlichen Artikel zu Stottern im Beruf fuer weitere Strategien.
Wenn du vor einem Vorstellungsgespraech stehst und Unterstuetzung brauchst — oder wenn du einfach wissen willst, was fuer dich moeglich ist — dann meld dich. Ich weiss, wie sich diese Angst anfuehlt. Und ich weiss, dass sie ueberwindbar ist.
Haeufig gestellte Fragen
Sollte ich im Vorstellungsgespraech sagen, dass ich stottere?
Es gibt keine Pflicht. Aber Offenheit nimmt den Druck raus. Ein kurzer Satz am Anfang — "Ich stottere manchmal, das moechte ich kurz erwaehnen" — kann das gesamte Gespraech entspannter machen. Fuer dich und fuer dein Gegenueber.
Darf ein Arbeitgeber mich wegen Stottern ablehnen?
Nein. Stottern faellt unter das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Diskriminierung aufgrund von Stottern ist weder bei der Einstellung noch im Arbeitsalltag erlaubt, solange du die fachlichen Anforderungen erfuellst.
Wie bereite ich mich auf ein Vorstellungsgespraech mit Stottern vor?
Uebe den Einstieg laut. Bereite Kernantworten als Stichpunkte vor — nicht wortwoertlich. Plane bewusste Pausen ein. Und konzentrier dich auf deine Qualifikation, nicht auf perfektes Sprechen. Mehr Tipps im Artikel zu Stottern ueberwinden.